Medizin ist Liebe, Klinikerinnerungen



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Die Zukunft könnte auch gut sein

Nach und nach muss ich zugeben, dass das so ist. Noch ein wenig hier arbeiten, dann studieren. Das, wovon ich seit dreieinhalb Jahren träume. Träumen - nein, es ist fast in den Hintergrund gerückt. Als ich von der Schule kam, dachte ich nur an das Studium. Jeder Arbeitstag war ein schlechtes Theaterstück für mich, in dem ich einen Festvertrag hatte. Nicht weg zu können, warten zu müssen. Die drei Jahre erschienen mir unendlich lang. Jeder freie Tag war eine Flucht in die Zukunft. Ich bin oft nach Erlangen gefahren, nur um in der Nähe der medizinischen Fakultät zu sein und mir besser vorstellen zu können, wie es wäre, endlich studieren zu dürfen. In der Klinik las ich die Krankengeschichten und wälzte Fachbücher, um immer besser zu sein als die Anderen. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, zu dieser Welt gehören zu müssen. Deshalb verwendete ich auch viel Zeit und Energie darauf, mich von ihr abzugrenzen. Eine Möglichkeit war, wie gesagt, etwas zu wissen, genau zu sein, Medizinisches zu können. Und die anderen: schlafen, laufen, lesen. V.a. Lesen. In der U-Bahn, im Zug, zu Hause, in der Pflegeschule. Das war mein Trost. Aber was hatte ich eigentlich davon? Wäre es möglich gewesen, alles optimistischer zu sehen?

Im Nachhinein ist das leicht gesagt. Aber Zuversicht ist nicht nur abhängig von einer guten Prognose. Die Zukunft erscheint weiter weg, solange die äußeren Umstände bedrückend sind. Sie waren es schon, ziemlich. Ich hasste zum Beispiel die Geriatrie. Nicht die Patienten - ich könnte nie sagen, dass ich einem Patienten je irgendetwas übel genommen hätte, oder etwas schlechtes über einen gesagt. Es hat mich immer abgestoßen, wenn schlecht über Patienten geredet wurde. Wenigstens das wollte ich mir erhalten, wenn auch ein gewisser Berufszynismus oft nicht zu vermeiden ist, allein durch kommunikative Bedingungen. Es war die Arbeit, die ich frustrierend fand. Die Tatsache, in einem System zu sein, das unveränderlich erscheint und in dem man selbst kaum kreativ oder innovativ agieren kann. Die Vorstellung, etwas zu machen, dass acht Stunden später den Großteil seiner psychologischen Bedeutung verloren haben wird. Ein Gespräch oder eine Geste, die ankam, ein Lachen. Was denkt mein Patient, geht es ihm gut? Das ist so wenig wichtig im Vergleich zu Blutwerten und frischen Windeln, wird einem beigebracht. Nicht offiziell, natürlich, offiziell ist alles wichtig. Wer würde schon zugeben, wie es wirklich ist. Wir wollen doch nicht sein wie die Krankenhäuser, die in der B-Zeitung angeprangert werden. Wir sind gut und wir machen gute Medizin. Und das stimmt auch. Nichts Gegensätzliches in meinen Gedanken.

Ich glaube, die sich wiederholenden Reden um die Menschlichkeit in der Medizin nerven und langweilen alle Beteiligten. Zu oft gehört und bewertet, zu oft als "klar" eingestuft. Wissen wir doch alle, was richtig ist und dass wir dazu imstande sind, es so zu machen. Trotzdem mag ich mir nicht erlauben, mit dieser Theorie zufrieden zu sein. Menschlichkeit ist kein Luxus, nur weil sie Zeit in Anspruch nimmt. Unser System wird sie verlieren, es ist auf Zeitsparen ausgerichtet. Jedes einzelne Formblatt, das ich täglich ausfülle, ist es. Ich bin selbst so. Ich habe mir angewöhnen müssen, schnell zu sein auf Kosten der Details. Mag sein, dass es anders nicht möglich ist, aber ich möchte das nicht zum Standard erheben. Ich will einmal in meinem Leben, vielleicht jetzt, gesagt haben, dass ich es nicht gut finde und irgendwann die Zeit haben will, und wenn es meine Freizeit ist, von der ich sie nehme. Irgendwann will ich nicht mehr so arbeiten. Ich weiß nicht, ob es möglich ist.

Trotzdem war heute ein ganz guter Tag. Die Station ist freundlich. Modern und aufgeräumt. Ich mag die Chirurgie. Ich mag Drainagen und Wunden und ich mag es, mit den Leuten das erste Mal aufzustehen. Nicht für immer, aber für ein halbes Jahr. Ich freue mich sogar ein bisschen mehr als sonst auf die Arbeit. Schöne Vorstellung, noch ein wenig hier zu sein, und dann an die Uni zu dürfen. Vier Jahre für meinen Berufswunsch. Vier Jahre, in denen ich vergessen habe, wie ich früher war.

25.1.08 23:24


Ermüdend

Ich muss mir immer wieder eingestehen, wie ein gewisser Zynismus mich kaputt macht. Erschreckende Parallelen zu "House of God" kommen mir da in den Sinn. Ich mag diese Feindseligkeit nicht an mir haben. Ich möchte ja ein guter, netter Mensch sein und den ganzen Tag nur lächeln. (Sehen Sie?) Na ja, es ist noch kein Meister... und ich reiße mich auch nicht darum. Ich interessiere mich im Moment am allermeisten für die Stunden, in denen ich schlafen darf. Ich freue mich darauf wie ein kleines Kind und wenn ich dann abends im Bett liege, versuche ich die Zeit des Einschlafens und der angenehmen Imagination herauszuzögern. Ist ohnehin egal, ich kann eh nicht schlafen, weil ich von der Station träume. So wie heute. Und dann ist es auch noch wahr und ich wache auf und muss mich dorthin begeben. Zehn Tage durcharbeiten, einer frei. Schlafen! Schlafen, Schlafen, Schlafen! Genau das werde ich an dem einen freien Tag tun. Nichts weiter, keinen Schlag werd ich tun und volle 24 Stunden dermaßen faul sein...
27.12.07 21:12


Die nähere Zukunft

Heute fanden unsere Übernahmegespräche statt. Im Verwaltungsgebäude, ein Stück weit von unserer "Schule". 9:00 ich. Danach etwas wie Erleichterung. Und doch seltsam. Würde ich an der Klinik bleiben, wäre es nur ein halbes Jahr. Dieses halbe Jahr könnte ich auch gut ohne Arbeit verbringen. Nur nein, das ist unangenehm. Nicht zu arbeiten heißt viel Zeit zu haben. Was soll ich mit all der Zeit? Sie hätte keinen Wert mehr, sie verginge zu langsam.
Einige Andere aus meinem Kurs wollen ebenfalls studieren, haben sich dennoch wie ich beworben. Für ein halbes Jahr, eigentlich praktisch. Und doch leicht schmarotzerhaft. Nun ja, ich mache dem Lernen Platz, zur Verdrängung dieses oberflächlichen Gedankens. Ich bin gespannt, was jetzt passiert. Ob ich genommen werde oder ob ich dann also faulenzen darf. Fast keiner weiß genau, was das Ergebnis ist, nach den Gesprächen. Am liebsten würde ich in einer Tagesklinik arbeiten. Keine Wochenenden, keine Nächte, kein Spätdienst - also der Lenz eben. Die Psychiatrie scheint allerdings gut besetzt. Wie schade, der Gedanke war mir so angenehm. Vielleicht klingt das für andere Menschen unverständlich, aber diese Arbeit war für mich am wenigsten belastend unter allen Klinikeinsätzen, die ich hatte. Möglicherweise liegt es aber auch nur daran, dass sie so unkörperlich ist, so menschen- und gedankenbezogen oder weil sie einfach so sinnvoll erscheint. Man kann einer Vielzahl der Patienten helfen, es gibt zwar Patienten in Lebensgefahr aber keine Sterbenden, es gibt Zusammenhalt und Gespräche. Ich mag die Psychiatrie einfach.
27.11.07 19:16


Zeit zum Denken

Manchmal funktioniert das auch. Ich bin für ein paar Tage nach Berlin gefahren. Mein Kopf ist noch nicht klar geworden, obwohl ich mir das voller Elan vorgenommen hatte. Statt dessen habe ich ihn mit neuem Wissen über somatoforme Störungen, Schizophrenien und affektive Psychosen gefüllt. Nachdem gute 200 Seiten zu diesen Themen den Weg zu meinem neuronalen Netz gefunden haben, herrscht dort nun mehr Unruhe (Arbeitsunruhe) dennje. Die Klassifikationen sind nicht so meine Freunde, sonst gibt es kein schöneres Thema im Moment für mich, fachlich jedenfalls. Mag seltsam erscheinen, aber ich finde es entspannend. V.a. Fallbeispiele könnte ich lesen wie andere Menschen die B**dzeitung. Noch gut über eine Woche bleibt mir zur Vorbereitung. Manchmal denke ich auch, vielleicht ist es besser, weniger zu wissen, erstens um nicht wie ich jetzt im Vorhinein selektieren zu müssen und sich den Kopf zu zerbrechen, weil man halt einfach gar nichts lernt und das Problem damit beseitigt. Andererseits um nicht unbewusst in altkluge Bemerkungen zu verfallen, auch wenn sie treffen. Na ja, ich denke nicht weiter darüber nach, nicht jetzt. Es interessiert mich auch gar nicht so sehr, wie ich dann nun in der entscheidenden Situation wirken werde. Ich vermute, das ist ohnehin sehr von Tageskonstitution, Glück und den Fragen abhängig. Ich lese weiter, Lesen ist gut. Vor einer Woche hing ich noch nach der Klinik rum und war zu müde, die Seiten umzublättern. Nach 20 Seiten bin ich meistens eingeschlafen. Wie gut, dass ich den Urlaub genommen habe. Noch eine schöne Woche. Ich werd sie achtsam verbringen. Das meine ich ernst. Ich werde jeden Moment zu schätzen wissen und den ganzen Tag lang nur tun und lassen, was ich will. Der Freiheit immer mal wieder die Hand schütteln, damit sie sich noch erinnert, wenn es soweit ist.

Und Berlin...

Ja, hier bin ich jetzt. Die Stadt, in der ich gern studieren will. Wein, Freunde, wieder Wein, Musik, ausschlafen. Kein Medizinstudentenleben, also habe ich diese Phase vorverlegt. Leben ausreichend kosten und dann lernen statt feiern, wenn ich muss. Ich freu mich drauf. Studieren heißt, alle körperlichen Belastungen hinter sich lassen, die mich seit 3 Jahren langweilen. Und das meine ich keinesfalls abwertend, ich finde meine Arbeit nur einfach nicht spannend und ihre Grenzen sind die, die mich täglich stören, in Träume über bessere Zeiten verstrickt.
Hier ist die Zeit gerade stehen geblieben. Der Himmel ist grau, manchmal etwas Sonne. Auf jeden Fall persistiert das Gefühl des Zuhauseseins. Des "hier will ich leben"s. Ich mag in keine andere Stadt ziehen, mich verbiegen und mir einreden, es könnte mir überall gefallen, wenn ich die Möglichkeit habe, hier zu sein. Alles ist einfacher in Berlin. Meinem Empfinden nach muss man für nichts einen weiten Weg zurücklegen. Immer sind Menschen um mich herum, die ich ansehen kann. Häuser, Fremdes, Vieles, Großes, was ich betrachte und was mich entspannt. Wenig Störendes, die Menschen, die Berlin nicht mögen, nicht verstehend.

15.11.07 17:18


Der Baum

Von einem Fenster unserer Station aus kann man diesen Baum sehen. Der Himmel ist trüb, der Baum gelb. Die Blätter flackern, es ist irgendwie beruhigend.

7.11.07 14:24


Lernen

Neues Lehrbuch, neue Hoffnung. Ich liebe Bücher. Ich mag ihren Geruch, wie sie sich anfühlen. Ganz besonders mag ich diese glatten Seiten, die wirken, als könnten sie nie schmutzig werden und nach frischem Druck riechen. Atlanten riechen so, manche Taschenbücher auch. Manchmal lege ich beim Anatomielernen mein Gesicht auf ein Buch und atme ein. Ich höre meistens Musik dabei. Meine Wohnung ist laut und eher dunkel. Musculus sternocleidomastoideus, urinierender Nachbar, Processus xiphoideus, Pizzeria, Pneumothorax, Taxitür, Leukämie, es klingelt. "Hallo." Keine Antwort. Hatte sowieso niemanden erwartet. Weitergelesen. Ich schreibe nie hinein. Nur in die Anatomiebücher, wenn die Nomenklaturen differieren. Sonst lege ich kleine Zettel zwischen die Seiten. Einige sind schon vergilbt. Mein erstes medizinisches Buch war das Kurzlehrbuch der Onkologie. Ja, ich wollte mal Onkologe werden. Aber das ist 4 Jahre her und ich will es ganz sicher nicht mehr. Dabei keine Verbitterung, nein, aber das Fach ist mir zu traurig und ich glaube, dass es wie für Kleidungsstile auch für Berufe bestimmte Menschen gibt. Ich bin kein Mensch für die Onkologie. Mein zweites Buch war ein Taschenatlas der Anatomie, das durch seine prägnanten Formulierungen und die glatten Zeichnungen bestach. Ich hatte es in der Unibibliothek entdeckt, auf der Suche nach einem Medizinhistorik-Wälzer, der natürlich nicht da war. Umso besser. Von da an saß ich viele Tage in der Bibliothek, hinter der großen Glasfassade und las einfach. Um nicht zu Hause zu sein, um nicht an Anderes zu denken, um vom Studium zu träumen. All die harten langweiligen Bemerkungen über die Medizin und das Medizinstudium stören mich. Höre mittlerweile nicht mehr hin, aber doch, es ist erstaunlich, wie viele Menschen mir sagen wollen, wie schwer alles sei, das Lernen, das Physikum. Wenn ich an mein Hier und Jetzt denke, erscheint mir das etwas albern. Ich finde die körperliche Seite der Anstrengungen wesentlich belastender, als die geistige. Ich finde es öde und hart, Betten zu schieben oder schwere Menschen bewegen zu müssen. Was soll dagegen schon ein Zyklus aus 200 Elementen sein? Ich kriege freudiges Herzklopfen, wenn ich daran denke, 7 Uhr aufstehen zu dürfen (statt 4:20) oder eine Mittagspause zu haben. Oder allein die Vorstellung, man hätte jedes Wochenende frei. Und wenn ich 10 Stunden täglich lernen müsste, würde es mir keine Angst mehr machen nach den letzten 3 Jahren. Sicher werde ich müde sein, mein Hirn wird mir auffallen, weil ich es plötzlich so häufig benutzen muss, und dann: dann bin ich vielleicht glücklich. Dann ist das Hier und Jetzt endgültig erreicht. Dann fängt ein neues, angenehm anstrengendes Leben an. Ihr könnt mir nichts erzählen, ich weiß das es toll ist.
6.11.07 14:10


Klinische Müdigkeit

Fast wieder ein Nebelmorgen. Die blauen Buchstaben leuchten durch die Nacht, ich fahre unter ihnen durch und vor das Haus, in dem ich zur Zeit arbeite, die Onkologie. Bisher eher eine ernüchternde Beschäftigung. Die meisten unserer Kunden sind Schwerkranke mit schlechter Prognose. Mir fällt dazu nicht viel ein. Ich habe den Sinn der ärztlichen Praxis immer darin gesehen, die Situation des Patienten zu verbessern. Ich könnte nicht lange auf so einer Station arbeiten. Nicht, dass ich etwas gegen den Tod hätte, der wird ja in unserer Gesellschaft dauerhaft in den schillerndsten Farben vermarktet, der ist schon gewöhnlich geworden... Aber das Danebenstehen, das irritiert mich. Da glaube ich, gibt es Fächer, die mehr Mut in sich tragen und weniger Rechnen mit Hoffnungslosigkeit. Auf die Dauer jedenfalls ermüdend.
Nichts desto trotz versuche ich, der Zeit hier etwas abzugewinnen. Ich bin mir (nach ca. 4 Wo.) noch nicht ganz sicher, was es sein soll, außer eine Art House-of-God-Stimmung vielleicht, aber möglicherweise erkenne ich es noch. Die Atmosphäre jedenfalls finde ich beengend und mit jedem Tag freue ich mich mehr auf meinen Urlaub; ein wenig beschämend, ja.

[...]

Nach sieben. Sono hat eine Weile gedauert. Stört mich nicht, dass ich bei unserem Patienten bleiben musste. Konnte ich wenigstens seinen Befund [...] selbst sehen. Oben auf der Station herrscht sicher viel Hektik. Bin zu müde und, wenn ich ehrlich sein will, auch ziemlich gelangweilt. Die Arbeit ist wie gesagt ernüchternd und die Maloche in den frühen Morgenstunden ruiniert mir nicht selten auch den Rest des Tages. Davon unbeeindruckt meldet sich langsam mein Gedächtnis mit der Bemerkung: Lern doch mal. Noch ein paar Monate bis zur Immatrikulation. Nur noch 2,x Monate bis zu den Prüfungen. Einer bis zum Vorstellungsgespräch. Und Stunden trennen mich bloß von den Fragen, die ich mir selbst stelle. Ich wünschte irgendwie, ich hätte alles schon hinter mir. Könnte mich auf eine Wiese im Frühling legen und in den Himmel starren ohne einen einzigen Gedanken an den nächsten Dienst. Morgens ausschlafen, nachmittags lesen. Und wenn ich halt an der Uni bin, wieder enthusiastisch auf die neuen Schwierigkeiten stürzen. Aber wenigstens so eine kurze Chaospause, ein paar Wochen. Das wäre gut. Noch vier Tage, dann zwei Wochen Urlaub. Wird es Urlaub werden? Ich bereite mich auf das Vorstellungsgespräch vor. Ich hasse solche Gespräche - wer nicht? Zu viel oder zu wenig Selbstoffenbarung, immer schnell falsch. Psychiatriebuch durchlesen und auf Gutes hoffen.

5.11.07 18:08


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