Medizin ist Liebe, Klinikerinnerungen



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Notaufnahme

Ich arbeite, ich denke nach. Eigentlich verabscheue ich es, so früh aufstehen zu müssen. Die U-Bahn ist zu voll für die düstere Zeit und die Menschen zu wach mir gegenüber. Heute werde ich noch eher schlafen. Mein Ziel, mein über alles wichtiges Ziel. Einfach nur schlafen. Es gibt keine Alternative mehr, denn meine Hirnzellen haben offensichtlich eine Resistenz gegen Koffein entwickelt und weigern sich permanent, hinreichend zu funktionieren.
Seit ein paar Tagen arbeite ich jetzt in der Notaufnahme, da kann Denken nicht schaden. Der Kontrast zwischen Stille und Rush Hour ist krass an manchen Tagen. So wie heute. Müde und mit Kuchen verbringen wir die frühen Stunden, bis die ersten Verunglückten eintreffen. Ich stehe rum, ich laufe, ich gebe Spritzen, usw. Langweilig ist es nie, was im Übrigen nicht unterschätzt werden darf. In meinen Augen gibt es nichts Schlimmeres als eine Krankenstation, auf der man zu wenig zu tun hat.

16.8.07 18:56


Internistisch...

Ganz angenehm heute. Mein erster Tag in der internistischen/neurologischen Abteilung. Ich hatte mit schwer differenzierbareren Erkrankungen gerechnet, aber vielleicht ist heute auch bloß ein leichter Tag und die harten undurchsichtigen Fälle kommen alle morgen. Laut Statistik seien Herzinfarkt, Apoplex und Epilepsie (Status epilepticus?) die häufigsten Einweisungsdiagnosen. Mit letzteren konnte ich noch keine Bekanntschaft machen, was mich auch nicht besonders betrübt. Im Großen und ganzen ist mir die innere Medizin lieber als die operativen Fächer, aber ich muss zugeben, dass es fürs erste pflegerisch recht eintönig erscheint (Blut abnehmen, int. Status/Anamnese, Röntgen/Sono/..., Tabletten/Infusion usw., Verlegung - fertig.) Der eindeutige Pluspunkt an den drei Chirurgen-Zimmern (dazu noch Trauma-Räume) ist, dass dort etwas "passiert". Jede Menge Schnitt-. Stich- und andere mehr oder weniger grobe Verletzungen werden erstversorgt oder gleich genäht. En détail heißt das, dass ich mir diverseste Mini-OPs zu Gemüte führen durfte - Kino kostenlos. Und dabei kann man noch ein bisschen die Ärzte löchern. Ausflug in meine Zukunft, ein bisschen. Auch wenn ich nicht Chirurg werden will. Meine Begegnungen mit dem OP hatten alle ausgiebige kalte Fußbäder zur Folge. Ich will mir später mal lieber die Beine bei der endlosen internistischen Visite in den Bauch stehen.
17.8.07 17:02


Noch 7 Jahre

Heute ist einer der Tage, an denen ich an mein Leben in sieben Jahren denken muss, wenn ich mein Studium hinter mir haben werde und keine Betten mehr von A nach B schieben brauche, oder jemand, der jünger ist als ich und nicht mal Abitur hat, mir sagt, wo der nächste Kothaufen ist, den ich entfernen darf. Gutes Gefühl. Manchmal ist das unumgänglich. Leider, hm. Aber es gibt auch bessere Tage. Ich lerne etwas, das ist schon viel wert. Die Nachmittage sind im Moment allerdings eher grau. Trotz 8-Uhr-Einschlafen keine Chance gegen diese globale Ermattung. Keiner meiner Muskeln ist schmerzfrei. Ich bin platt, aber es wollen noch Vorbereitungen für den nächsten Tag getroffen werden und mehr Wissen soll dazu ins Hirn. Der morgige Espresso zeigte keine Wirkung, wie immer, und selbst wenn es eine gegeben hätte, wäre sie jetzt vorbei. Für noch einen ist mir zu übel. Ich werd mich der chemischen Aufbereitung meines Fußbodens widmen...
18.8.07 16:01


Morgen frei, was will ich mehr?

Der Sonntag war eher ruhig. Ich hätte einige Bierleichen vom Vortag erwartet, aber die waren wohl alle noch in der U-Bahn. Man merkt, dass es Sonntag ist, wenn man an einem solchen Frühschicht hat, schon am Geruch in der Bahn. Ich will nur noch schlafen, aber es wäre schade um die Zeit. Morgen ist mein freier Tag und diese Bezeichnung habe ich erst schätzen gelernt, als ich angefangen habe, in der Klinik zu arbeiten. Schule war immer wie Freizeit. Zuhören und ausruhen. Im ersten Jahr meiner Ausbildung habe ich das sehr vermisst. Auch der Unterricht ist hier ganz anders angelegt. Man bekommt nahezu alle Inhalte druckfrisch vorgebrezelt, mitschreiben muss man nur im seltensten Fall.
Meine liebsten Fächer waren gleich am Anfang Mikrobio und Anatomie, dann kommt die Physiologie, die hier für jedes einzelne Organ mit anschließender Pathophysiologie unterrichtet wird. Das hat mir irgendwie Mut gemacht und gab ein bisschen das Gefühl vom viel zu weit entfernten Studium. Sonst hat man sehr viel Praktisches - wir mussten uns gegenseitig waschen oder füttern (Pardon "Essen eingeben", ja, genau... also füttern halt)... Aber immerhin wird all das bezahlt. Man lernt etwas und bekommt Geld dafür.
Von der "Ausbildungsvergütung" habe ich mittlerweile sämtliche Bücher der Vorklinik erworben und die meisten davon auch gelesen. Kann mir nicht alles merken, wie auch ohne Prüfungsstress? Aber das Studium rückt näher, somit mein Examen und ich darf mich langsam freuen und mir sagen, dass mein privates Lernen einen Sinn macht. Im Prinzip bin ich aber ein letzte-Sekunde-Stress-Lerntyp. Es gibt mir nichts, ohne Druck überm Buch zu sitzen, ich brauche dieses flaue Gefühl dabei. Wenn man vor der Klausur nicht genug Schiss hat, kann man sich hinterher nicht so sagenhaft freuen, denke ich. Ich freu mich meistens.
Wenn ich ein freies Wochenende habe, fahre ich oft mit dem Fahrrad nach E., eine Uni-Stadt, nicht weit von hier. Dort kann man vor der Uni im Park rumlungern und es gibt unzählige (also ich kenne mind. 5) Buchhandlungen, in denen schon im Schaufenster sämtliche Medizinerlektüre steht. Ich glaube, meine Lieblingsfächer werden mal Biochemie und Anatomie sein. Kann nicht vertehen, wie jemand Biochemie nicht mögen kann. Wenn das Buch nicht so groß und so schwer wäre, würde ich es ständig rumschleppen. Bitte, falls das jemand liest, dann schreibt mir, warum ihr Biochemie nicht mögt! Präzise Angaben bitte! So, nun zurück zum Alltag. Ich habe morgen frei, wie schön. Ich kann ausschlafen! Alles über 6:00 Uhr ist Ausschlafen für mich! Ich krieg Herzklopfen, wach bleiben, wach bleiben. Vielleicht läuft ein guter Film heute?

[Sie verlässt das Zimmer mit Tasche und Hut.]

 Hier noch eins meiner ersten selbstgemachten EKGs:

19.8.07 16:52


Facharztträumereien

Manchmal denke ich schon drüber nach, nee, mitunter täglich... was wohl in 10 Jahren ist. (Im übrigen ist mir egal, ob die Gesamtheit aller erfahrenen Kollegen das für verfrüht und übertrieben hält, denn in meinen Überlegungen kommt es mir zunächst nur auf meine Träume und Empfindungen an und das alles ist auch nur rein hypothetisch und entledigt sich hiermit jeder Verpflichtung zur Rechtfertigung vor Außenstehenden) Durch meine Ausbildung habe ich ja die verschiedensten Fächer kennengelernt. Im Prinzip war mir immer klar, dass ich später nicht Chirurg werde, und wenn es mir noch zu sehr gefallen würde, meine Venen sind einfach zu mies. Daher das nächste interessante Fach, die Innere. Daran faszinierte mich immer die intensive anamnestische Tätigkeit - die ausfürliche Beschäftigung mit dem Patienten im Gespräch, zumindest im Vergleich zu manch anderen Bereichen. Wobei wir zur Crux kommen: ich beschäftige mich schon länger mit Psychotherapie, da ich einige Therapeuten kenne, irgendwann anfing, mehr darüber zu lesen, irgendwann selbst in der Psychiatrie gearbeitet habe und mein wunderbares "Ich werde mal Internist, denn Internist-sein ist bestimmt toll"-Idealbild ins Wanken kam. Hier also meine geheimen Gedanken, die keiner kennt, weil sie allzu zukünftig sind: Was mag ich nur mehr: Psychiatrie oder Innere? Oh nein, wie soll ich mich in nur 7 Jahren für eins von beiden entscheiden? Kann man beides schaffen? Wie kann ich nur darüber nachdenken? Aber nein, es gefällt mir irgendwie... ich baue gerne Zukuftsphantasien. Ich könnte es mir gut vorstellen... Aber nun ja, verschieben wir das. Der Abend ist nicht mehr lang für mich. Und was soll ich auch sagen außer die paar Sätze. Erst will man mal studieren, will mal lernen, famulieren und so weiter. Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, mich in genaue Ausführungen zu stürzen.

21.8.07 22:07


Sardinen

Viele Kunden heute in der Notaufnahme. Genervte, genervt freundlich bemühte Gesichter vor den Untersuchungszimmern, wartend, mit oder ohne Schmerzen. Kinder, Greise, welche dazwischen. Darauf kann ich mich gut einstellen. Wenn ich hier her zur Arbeit komme, weiß ich, dass immer alles passieren kann. Es gibt keinen Tagesablauf, es wird getan, was getan werden muss, egal zu welcher Uhrzeit. Es fällt mir schwer, die Leute zu vertrösten, aber es muss sein. Ich selbst kann mir nicht gut vorstellen, mit einer offenen Wunde über eine Stunde in einem Gang zuzubringen. Ich wollte genauso sofort drankommen. Gut, ich würde nicht rumschreien, es sei denn, es bestünde die Chance auf anständige Sedativa, aber das ist dann wohl doch wenig zuträglich, wenn man im Verlauf noch etwas mitkriegen will. Vermutlich würde ich schlafen. Ich kann im Moment überall schlafen, U-Bahn, sogar im Stehen, auf der Treppe, in der Wanne, egal. Segenmäßig, der Frühdienst hat es noch nicht geschafft, meine Faulheit zu vernichten, mich zum wachen getriebenen Maniker zu machen. Aber ich halte das für eine Phase, nächste Woche verfluche ich meinen vorschnellen Triumph und mache mir klar, dass ich die Schlafqualität nicht beurteilt habe, bloß Stunden gezählt und mir eingebildet, ich sei nun wach. Schlafplacebo. Frühdienste sind immer eine Probe für mich. Ich werde jubeln am Tag meiner Immatrikulation, für immer davon befreit zu sein! Gibt es etwas Unsinnigeres, als 6 Uhr einen Laden aufzumachen, der keine Bäckerei ist? Ich geh schlafen, ich freu mich drauf. Mir mein Schlaf, den Patienten das Ergebnis davon.
22.8.07 23:05




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