Medizin ist Liebe, Klinikerinnerungen



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Werd ich mein Klinikum vermissen?

Der Entschluss ist getroffen. Ich gehe weg von hier, an eine andere Klinik. Die letzten Wochen (oder waren es schon Monate) habe ich viel darüber nachgedacht. In den Jahren hier habe ich mich sehr an die Stadt gewöhnt, ihre Enge ertragen und dann mögen, ihre Eigenarten verstehen und ihre Menschen kennen gelernt. Es ist seltsam, dass es so klar und unabwendbar scheint, dass ich von hier weggehen werde. Nie wieder morgens in die nicht passenden Kleider schlüpfen. Werde lange keine Patienten mehr sehen vielleicht. Wie werd ich die Gesichter vermissen, wenn man ihnen mit dem Nicken der guten Prognose sagt, dass ihre Blutwerte da sind. Die vielen Alltäglichkeiten, die kleinen Dinge. Und wie werde ich den Mensa-Fraß vermissen! Nirgendwo sonst ist das Sonnenlicht mehr wert als auf dem Balkon unserer Personalkantine mit dem chemischen Duft übergroßer Maultaschen. Das alles muss ich abgeben. Und ein bisschen fühlt es sich doch gut an. Vielleicht bleibe ich eine Weile im Ausland, vielleicht mache ich ein Propädeutikum. Aber eigentlich habe ich dazu gar keine Lust. Eigentlich möchte ich nur ein bisschen trampen und nichts tun müssen. Denken, lernen, ein halbes Jahr. Wenn ich nicht zu jung wäre, hätte ich vielleicht die Dreistigkeit, ein Buch zu schreiben. Aber ich habe mich über eine Arbeit über menschliche Wahrnehmung und Erinnerung gesetzt. Endlich Zeit. Ein bisschen Angst habe ich. Kenn mich schon, werde wehleidig auf die Zeit zurückblicken, die ich verflucht habe, als ich sie hatte. Leben musste. Hm. Dann bin ich frei von Dienstzeiten, Kitteln, und Gehalt. Das auch. Keine Pläne jetzt. Besser, ich lasse mir noch ein paar Wochen, um was Sinnvolles zu erfinden. Dann gehe ich weg und fange anderswo neu an. Schluss mit der Rollenfixierung. Niemand kennt mich, niemand weiß, wer ich bin und was ich hier oder dort laut gedacht habe. Niemand kann hineinsehen, und das ist auch gut so. Denn mit Ehrlichkeit verletzt man nur Eitelkeiten. Jetzt werde ich lernen, das ist alles, was ich noch muss. Lernen, das Stex machen und dann in irgendeine große Stadt. Abschied von allem, an das ich mich gewöhnt habe.

17.10.07 18:44


6. Anti-Depressionstag

Für mich allerdings der erste. Aus spontanem Interesse, und (vielleicht nicht ganz bewusst) auch zur heimlichen Entscheidungsfindung, die mich manchmal beschäftigt. Was will ich werden? Internist? Psychiater? Beides? "Sie haben noch so viel Zeit." Eben dieses Gefühl sehe ich nicht. Denn erstens: 23 Jahre sind ein Alter. Zweitens: Vorbildung wird immer wichtiger, sich so früh wie möglich zu orientieren, erleichtert den Berufseintritt. Und drittens: was auf der Seele brennt, soll man löschen.

Nun drängen sich also die existenziellen Fragen auf: Welcher Beruf ist der richtige für mich? Wie muss ich diese Entscheidung treffen, was ist ein Argument für mich? oder auch Sollte ich diese Entscheidung schnell treffen, um mir eine angenehme Ruhe zu schaffen. Diese war lange Zeit vorhanden, denn gemäß des von mir und meiner Umwelt vorgesehenen Plans wäre ich wohl irgendwann einfach FA für Innere Medizin geworden und langfristig wäre es mir nie aus dem Sinn gekommen, Forscher zu werden. Es ist seltsam, dann plötzlich auf ein Fach zu treffen, in dem einem Erkenntnisse zufallen, der Stoff ohne Aufwand in den Kopf zu fließen scheint und keine Änderung je interesselos betrachtet werden kann, weil sie unweigerlich spannend für mich zu sein scheint. Ich bin leicht schockiert, dabei hätte ich es schon eher wissen müssen. Es sind zu viele Dinge, die mich interessieren. Ich mag die Mikroben genauso gern wie die Därme und die Neurotransmitter. Aber wo wären wir, wenn alle für das spätere Leben so relevanten Entscheidungen einfach wären und man sich die Zeit lassen könnte, die man angeblich hat, um sie zu treffen. Nein, im Moment halte ich es wirklich für Unsinn. Nach vier Jahren Krankenhausarbeit habe ich Einblick in nahezu jedes Fach gewonnen - und dabei war immer fast sofort klar, welches mir gefällt und was nicht. Örthopädie beispielsweise oder Gyn empfinde ich als reizlos. Weder habe ich Lust auf anstrengende lange Osteosynthesen, noch möchte ich mich mit Cervixtumoren und Aborten herumschlagen. Wirklich schön finde ich dagegen die Endoskopie. Und da wären wir auch beim Knackpunkt: organisch oder geistig? Nein, natürlich nehmen Psychiater auch Blut ab und ordnen Medikamente an, aber kein Psychiater wird je so schöne organische Untersuchungen machen wie ein Internist, c'est la vie.

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf nach 6 Stunden Vortragsangebot. Ich habe mir fast ausschließlich die Beiträge von Psychiatern und Psychologen zu Gemüte geführt. Primär hatte mich das interessiert, weil ich selbst einmal in dieser Klinik gearbeitet hatte und einige der Leute vom Sehen kannte. Zudem wollte ich den Prof. gerne wenigstens einmal live erlebt haben, bevor ich mein neues Leben anderswo beginne und das Klinikum verlassen muss. Für mich mitnehmen kann ich nur Erkenntnisse für Jetzt und Später, Erinnerungen und Eindrücke. So auch bei dieser Veranstaltung. Nicht alles war neu für mich, da ich mich mit psychiatrischen Erkrankungen schon länger beschäftige. Dennoch war es sehr interessant und was ich auch immer wieder spannend finde, ist das Verhalten des Publikums. Eine Gruppe von Menschen, bei der zunächst nicht klar ist, wer betroffen, wer Personal und wer einfach nur interessiert ist, wobei letztere sich ja auch einfach nur für ihre Krankheit schämen könnten und man es deshalb nicht herausfinden wird. (Ich hätte im Übrigen erwartet, einige Patienten zu treffen, und war relativ überrascht über deren geringe Zahl.) Zwei Frauen unterhielten sich aufschlussreich über ihre aktuelle Medikation, eine andere sprach sich selbst Notizen zu. Kleine nette Momente, an die ich mich in 10 Jahren nicht mehr erinnern kann. Gut, dass es Papier gibt.

21.10.07 17:30


Lange Nacht der Wissenschaften

Nach den Vorträgen in Nürnberg bin ich nach Erlangen gefahren. Universitätsluft schnuppern. Am Uni-Klinikum war ich vor einem Jahr schon mal vorbeigekommen. Dort habe ich dann auch die ersten 2 Stunden zugebracht und mir neben Elektrophorese und Endoskopie für Alle (man konnte selbst den virtuellen Patienten spiegeln...) einen Vortrag über Raucherbekämpfung (der Titel war ein anderer, aber ich nenne es mal so) angehört. Im Grunde halte ich Rauchen für die unnötigste Sache der Welt gleich nach Krieg und anderen Brutalitäten. Ich hab mir danach definitiv die letzte von meinen 1-2 pro Woche angezündet, auch wenn ich alles Gesehene im Prinzip vorher schon wusste. Wie das eben so ist. Anschließend gab es Vorträge in der Mikrobiologie. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schön ist, nach Jahren mal wieder einen Hörsaal von innen zu sehen. Die reinste Euphorie hätte mich packen können, wenn ich nicht zugehört hätte. Daran muss ich schon oft denken. Endlich diese Zeit hinter mir lassen und studieren gehen. Frei sein, für mich lernen, neu anfangen, das tun, was ich immer wollte. Vorfreude, langsam kann ich sie zulassen, es sind nur noch Monate, bis ich hier fertig bin. Dann kommt ein langer Urlaub und anschließend habe ich mein erstes wirklich großes Ziel erreicht. Vielleicht klingt das pathetisch. Hm, ehrlich gesagt ist mir das ziemlich egal. Medizin ohne Pathos ist wie trocknes Brot. Ohne den Gedanken an das Studium hätte ich schon vor zwei Jahren kapituliert. Hätte ich keinen Atlas gehabt und kein Biochemiebuch, hätte ich keine Vorstellung von der Zukunft gehabt, außer dass sie irgendwann kommt. Irgendwann und Später waren schon immer Wörter für mich, die Verachtung verdienen. Was warten muss, muss es entweder aus Zwang oder Unwichtigkeit (wenn auch nur für den Moment, aber das sei hier unterschlagen).
Es wird jetzt kein Resumé geben, mir ist gar nicht danach. Es hat mir gut gefallen, ich nehme Bilder mit in meinem Kopf. Ich bin in mein Bett gefallen wie ein Findling.

In diesem Sinne: "MEHR DESSELBEN"!

21.10.07 17:44




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