Medizin ist Liebe, Klinikerinnerungen



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Lernen

Neues Lehrbuch, neue Hoffnung. Ich liebe Bücher. Ich mag ihren Geruch, wie sie sich anfühlen. Ganz besonders mag ich diese glatten Seiten, die wirken, als könnten sie nie schmutzig werden und nach frischem Druck riechen. Atlanten riechen so, manche Taschenbücher auch. Manchmal lege ich beim Anatomielernen mein Gesicht auf ein Buch und atme ein. Ich höre meistens Musik dabei. Meine Wohnung ist laut und eher dunkel. Musculus sternocleidomastoideus, urinierender Nachbar, Processus xiphoideus, Pizzeria, Pneumothorax, Taxitür, Leukämie, es klingelt. "Hallo." Keine Antwort. Hatte sowieso niemanden erwartet. Weitergelesen. Ich schreibe nie hinein. Nur in die Anatomiebücher, wenn die Nomenklaturen differieren. Sonst lege ich kleine Zettel zwischen die Seiten. Einige sind schon vergilbt. Mein erstes medizinisches Buch war das Kurzlehrbuch der Onkologie. Ja, ich wollte mal Onkologe werden. Aber das ist 4 Jahre her und ich will es ganz sicher nicht mehr. Dabei keine Verbitterung, nein, aber das Fach ist mir zu traurig und ich glaube, dass es wie für Kleidungsstile auch für Berufe bestimmte Menschen gibt. Ich bin kein Mensch für die Onkologie. Mein zweites Buch war ein Taschenatlas der Anatomie, das durch seine prägnanten Formulierungen und die glatten Zeichnungen bestach. Ich hatte es in der Unibibliothek entdeckt, auf der Suche nach einem Medizinhistorik-Wälzer, der natürlich nicht da war. Umso besser. Von da an saß ich viele Tage in der Bibliothek, hinter der großen Glasfassade und las einfach. Um nicht zu Hause zu sein, um nicht an Anderes zu denken, um vom Studium zu träumen. All die harten langweiligen Bemerkungen über die Medizin und das Medizinstudium stören mich. Höre mittlerweile nicht mehr hin, aber doch, es ist erstaunlich, wie viele Menschen mir sagen wollen, wie schwer alles sei, das Lernen, das Physikum. Wenn ich an mein Hier und Jetzt denke, erscheint mir das etwas albern. Ich finde die körperliche Seite der Anstrengungen wesentlich belastender, als die geistige. Ich finde es öde und hart, Betten zu schieben oder schwere Menschen bewegen zu müssen. Was soll dagegen schon ein Zyklus aus 200 Elementen sein? Ich kriege freudiges Herzklopfen, wenn ich daran denke, 7 Uhr aufstehen zu dürfen (statt 4:20) oder eine Mittagspause zu haben. Oder allein die Vorstellung, man hätte jedes Wochenende frei. Und wenn ich 10 Stunden täglich lernen müsste, würde es mir keine Angst mehr machen nach den letzten 3 Jahren. Sicher werde ich müde sein, mein Hirn wird mir auffallen, weil ich es plötzlich so häufig benutzen muss, und dann: dann bin ich vielleicht glücklich. Dann ist das Hier und Jetzt endgültig erreicht. Dann fängt ein neues, angenehm anstrengendes Leben an. Ihr könnt mir nichts erzählen, ich weiß das es toll ist.
6.11.07 14:10
 


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