Medizin ist Liebe, Klinikerinnerungen



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Klinische Müdigkeit

Fast wieder ein Nebelmorgen. Die blauen Buchstaben leuchten durch die Nacht, ich fahre unter ihnen durch und vor das Haus, in dem ich zur Zeit arbeite, die Onkologie. Bisher eher eine ernüchternde Beschäftigung. Die meisten unserer Kunden sind Schwerkranke mit schlechter Prognose. Mir fällt dazu nicht viel ein. Ich habe den Sinn der ärztlichen Praxis immer darin gesehen, die Situation des Patienten zu verbessern. Ich könnte nicht lange auf so einer Station arbeiten. Nicht, dass ich etwas gegen den Tod hätte, der wird ja in unserer Gesellschaft dauerhaft in den schillerndsten Farben vermarktet, der ist schon gewöhnlich geworden... Aber das Danebenstehen, das irritiert mich. Da glaube ich, gibt es Fächer, die mehr Mut in sich tragen und weniger Rechnen mit Hoffnungslosigkeit. Auf die Dauer jedenfalls ermüdend.
Nichts desto trotz versuche ich, der Zeit hier etwas abzugewinnen. Ich bin mir (nach ca. 4 Wo.) noch nicht ganz sicher, was es sein soll, außer eine Art House-of-God-Stimmung vielleicht, aber möglicherweise erkenne ich es noch. Die Atmosphäre jedenfalls finde ich beengend und mit jedem Tag freue ich mich mehr auf meinen Urlaub; ein wenig beschämend, ja.

[...]

Nach sieben. Sono hat eine Weile gedauert. Stört mich nicht, dass ich bei unserem Patienten bleiben musste. Konnte ich wenigstens seinen Befund [...] selbst sehen. Oben auf der Station herrscht sicher viel Hektik. Bin zu müde und, wenn ich ehrlich sein will, auch ziemlich gelangweilt. Die Arbeit ist wie gesagt ernüchternd und die Maloche in den frühen Morgenstunden ruiniert mir nicht selten auch den Rest des Tages. Davon unbeeindruckt meldet sich langsam mein Gedächtnis mit der Bemerkung: Lern doch mal. Noch ein paar Monate bis zur Immatrikulation. Nur noch 2,x Monate bis zu den Prüfungen. Einer bis zum Vorstellungsgespräch. Und Stunden trennen mich bloß von den Fragen, die ich mir selbst stelle. Ich wünschte irgendwie, ich hätte alles schon hinter mir. Könnte mich auf eine Wiese im Frühling legen und in den Himmel starren ohne einen einzigen Gedanken an den nächsten Dienst. Morgens ausschlafen, nachmittags lesen. Und wenn ich halt an der Uni bin, wieder enthusiastisch auf die neuen Schwierigkeiten stürzen. Aber wenigstens so eine kurze Chaospause, ein paar Wochen. Das wäre gut. Noch vier Tage, dann zwei Wochen Urlaub. Wird es Urlaub werden? Ich bereite mich auf das Vorstellungsgespräch vor. Ich hasse solche Gespräche - wer nicht? Zu viel oder zu wenig Selbstoffenbarung, immer schnell falsch. Psychiatriebuch durchlesen und auf Gutes hoffen.

5.11.07 18:08
 


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