Medizin ist Liebe, Klinikerinnerungen



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Klinikmühlen (heute mal zynisch)

Ich muss es wirklich öfter aufschreiben. Ich darf das einfach nicht vergessen. Sr. B. sagt zu M.: "Wir müssen bei der Arbeit in erster Linie darauf achten, was uns etwas nützt" (und nicht den Patienten, ist damit gemeint). Ich hielt es für einen Scherz, aber das ist bitterer Ernst. Nicht mal Ernst, nein, das  ist einfach die Logik einer Maschinerie, die ich nicht verstehen WILL. Ich will nicht zu einem System gehören, das Menschen so behandelt.

Anfangs habe ich noch versucht, es zu verstehen. Oder irgendetwas Gutes daran zu finden. Manche von ihnen machen ja auch gute Arbeit. Aber es ist die Minderheit. Das oberste Gebot bei der Arbeit einer Krankenschwester ist die Zeit, nicht etwa die korrekte Vorgehensweise oder die moralische Vertretbarkeit. Ein Patient sagt etwas, Moment, dann kann es nicht stimmen. Erst mal. Wenn es doch stimmt, ist das natürlich sehr ärgerlich. Wenn ein Patient Schmerzen hat, ist das in erster Linie Einbildung. Ist er aber psychisch beeinträchtigt, bedrückt oder traurig, dann kann er selbstverständlich nur Schmerzen haben und benötigt Medikamente. Junge Menschen haben prinzipiell keine Schmerzen, sie sind nur weinerlich und sollen das gefälligst ertragen. Alte Menschen können ihre Schmerzen nicht einschätzen, weshalb man sie ebenfalls nicht ernst nehmen kann.

Vielleicht denkt der ein oder andere jetzt, das ist ein Extrembeispiel. Extrem würde aber bedeuten, dass es seltener vorkommt. Diese Erfahrung habe ich leider nicht gemacht. Viel zu oft bin ich zurechtgewiesen worden, weil ich nach Schmerzen oder anderen Beschwerden gefragt habe. Ich solle die Patienten schließlich nicht auf die Idee bringen, so etwas böses wie Schmerzen zu haben oder festzustellen, dass irgendeine Maßnahme gegen was auch immer für eine Beschwerdeform nötig wäre. Das würde schließlich Arbeit machen. Und Arbeit verrichten heißt fertig werden. Wer sich Zeit nimmt, 2 min. zu reden, ist der Antichrist schlechthin, selbst wenn die Zeit reicht.

Ein weiteres No Go ist auch die Beurteilung von Blutzuckerwerten. 200 ist normal (...ist es nicht!). 160 nüchtern ist normal (... ist es nicht!). Deutschland, das Land der untätigen Diabetiker. Das Land der nekrotischen stinkenden Füße. Hier ist es Wurst, ob der Zucker in Ordnung ist oder nicht. Das ist das letzte, was interessiert. Genauso wie ein 160er Blutdruck. Im Land der Arteriosklerose ist das nicht so wichtig. Hat eh jeder. Außerhalb des Krankenhauses ist der, nachdem er bei 2-wöchigem Aufenthalt stets zwischen 160 und 170 syst. lag, sicher wieder ganz normal (Anm.: normal wäre 130, auch nicht 140 oder 150 ;-)

Anweisung für alle Idealisten: vergessen Sie's. Lassen Sie Dinge, die Arbeit machen könnten, in Ruhe. Ändern sie nichts. Passen Sie sich dem ignoranten Verhalten Anderer an. Sie werden sich bald sehr wohl fühlen.

Dann fühle ich mich lieber unwohl.

Ich könnte jedenfalls nachts nicht ruhig schlafen, wenn ich am Morgen einem schwerkranken Menschen meine unsterilen Finger in seine offene Wunde gesteckt hätte. Und ich hoffe, das alle, die so etwas ruhigen Gewissens tun, eines Tages von der Blödzeitung, Gott oder ihrer eigenen Dummheit bestraft werden. 

Ich bin manchmal sehr traurig über dieses System. Auch wenn ich schon lange erkannt habe, dass ich es nicht ändern kann. Ich habe schon resigniert. Aber ich will diese Methoden doch wenigstens festgestellt haben.

22.6.08 16:14
 


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