Medizin ist Liebe, Klinikerinnerungen



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Ich habe Gott die Windeln gewechselt.

Ich habe es geschafft. Die erste wirkliche Prüfung nach dem Abitur. Jetzt bin ich dann offiziell eine von ihnen, eine Krankenschwester. Komische Vorstellung. Ich fühle mich so gar nicht schwesternhaft. Die Prüfung war im übrigen relativ anspruchsvoll. Ich habe kein Problem, was ich weiß, schriftlich zu beweisen. Ich kann es nicht praktisch. War noch nie ein praktischer Typ und schon gar nicht in der Art, wie es Leute sind, die schon die Fahrprüfung dadurch mit Bravour bestanden haben, dass sie nie um die Ecke dachten. (Ich hab' sie bestanden, weil der Prüfer nett war, denke ich...)

Trotz allem, ein guter Abschied. Gleichzeitig Prüfungs- und letzter Tag in der Chirurgie. Vorbei, erleichtert. Niemandem mehr etwas schuldig. Nun wünschte ich mir eine Pause. Nichts da. Ich muss weiter. In dieser Welt gibt es keine Pausen. Während ich nachts nicht schlafen kann, wenn ich an den ZVS-Bescheid denke, hängt schon die nächste Bürde der Anpassung bereit. Außen hübsch orange angepinselt, fast vorbereitet für das erste Treffen. Handshake, nice. Dumme Lügnerin! Aber ich wusste ja, dass nichts echt ist, dass in diesem Beruf erst mal alles einen guten Eindruck nach außen machen muss und wenn man es von innen betrachtet, nun ja, dann wird er sich verflüchtigen. Und da das alle Beteiligten wissen, ist es weder eine Lüge, noch ein Geheimnis. Es ist eben so.

Ich arbeite nun also weiter. Lieber hätte ich bezahlten Urlaub, aber der steht mir nun wirkich nicht zu, schon gar nicht von unserem Freund Staat. Der gönnt mir die Zeit zum Lernen vor dem Studium nicht. Der gönnt mir, dass ich nach drei Tagen die Verantwortung für zwei Stationen trage. Mad World. Ich bin vielleicht alt, aber nicht erfahren. Jedenfalls nicht so. Aber wenn ihr das so wollt, bitte, ich bin versichert.

Gott ist 85 und wir haben uns erst kürzlich kennengelernt. Er spricht alle Sprachen und urteilt vom Rollstuhl aus über Leben und Tod. Gott ist eigentlich ganz nett, auch wenn er Windeln tragen muss, doch ein Mann von Welt.

Ich will nie in einer solchen Anstalt enden. Das kann man einem denkenden Menschen nicht antun, selbst wenn er nicht mehr viel denkt. Es reicht, einmal viel gedacht zu haben. Es reicht, einmal empfindsam gewesen zu sein. Diese Welt ist nichts, wenn man noch den Hauch von menschlichem Gefühl hat. Es ist einfach unvorstellbar, einen erwachsenen Menschen dort auszusetzen. Wie können Kinder ihre Eltern so wenig lieben? 

Hey, ihr da draußen. Habt ihr auch jemanden, der alt und krank ist? Lebt der auch in so einem Heim? Wie, wie könnt ihr nachts ruhig schlafen? Wisst ihr eigentlich, wie es sein muss, im eigenen Urin zu liegen, wenn man einmal Arzt war? Ich wollte wenigstens zu Hause in mein eigenes Bett machen. 

Kein Kommentar, ich bin zu geschockt und irgendwie auch nicht berührt, nur so unangenehm vor mich hin denkend... Wie kann es so sein, wenn es auch anders ginge? Wieso so lieblos, so fahl?

9.8.08 11:22
 


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