Medizin ist Liebe, Klinikerinnerungen



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Die ZVS v.2

Heute ist ein grauer Tag. Grauschwarz. Ich habe Spätdienst in der Anstalt und warte auf den Postboten, der den Brief von der ZVS bringen könnte. Aber er wird nicht kommen, ich weiß es schon. Heute Nacht habe ich schon davon geträumt. Normalerweise habe ich keine Schlafprobleme. Aber heute Nacht habe ich mich herumgewälzt und abwechselnd die Ablehnung und Zusage vor meinem inneren Auge gesehen. Ich bin dann gegen 8 aufgestanden und zum Briefkasten gewankt, weil ich es nicht mehr ertragen habe. Er war natürlich leer.

Ich brauche mehr Espresso. {Geht in die Küche und macht welchen.} Ich kann gar nicht sagen, wie viel schlechten Kaffee ich - allein oder vor allem in Krankenhäusern - schon in meinem Leben getrunken habe.

Ich wohne ja im Erdgeschoss. Von hier aus kann ich das heranfahrende Postauto gut sehen. Aber es kommt nicht. Es lässt mich schmachten. Ich kann hier dumm vor mich hinschreiben und zu nichts Gutem finden. Was wird passieren? Wenn ich hier nicht schleunigst wieder loskomme, werde ich weiter im Heim arbeiten müssen. Oder in einem anderen. Ich weiß nicht, ob man das aushalten kann. Ich habe nichts gegen alte Leute. Aber es ist etwas anderes, ob man sie an der Straßenecke sieht, oder mit heruntergelassenen Hosen beim Essen. Ich denke, ich bin dafür schlichtweg nicht der richtige Typ. Ich bin der Typ, der einen Patienten ernst nimmt, aber das hier sind keine Patienten. Es sind Bewohner und sie haben eine unglaubliche Art, einen zu kommandieren. Die Welt in der sie leben ist so surreal. Man kann es nicht vorstellen, eines Tages so zu werden. Kindlich und dependent, aber nie erwachsen. Nie wirken sie wie ein ernsthaftes Gegenüber, immer ist irgendeine Entstellung vorhanden, der sie entfremdet.

Ich sehe nach draußen. Das Postauto kommt nicht. Ich glaube, es wird auch nicht mehr kommen. Alles ist so unwirklich, wie im "Proceß" von Kafka, erst gelesen. Die Institution, die über mich entscheidet, von der ich nichts verstehe und auch nicht verstehen kann. Das irrsinnige verschränkte Gefüge, von dem man sich doch irgendwo Erlösung erhofft. Aber man kann nichts richtig machen.

Ich bin heute sehr traurig.

13.8.08 10:11
 


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