Medizin ist Liebe, Klinikerinnerungen



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Was in der Zwischenzeit geschah...

Nun ist es also November. Es schneit. Ich sitze verschwitzt, mit ungewaschenen Haaren vor meinem Superrechner, der tatsächlich ein ziemlicher Trost ist für die Arbeit, die ich seit August tagein tagaus verrichten darf. Wenn die Arbeit mich frustriert, denke ich an meinen Monitor. Es ist schwer, aufzustehen, aber ich kann nicht sagen, ob es besser oder schlechter ist als zur Ausbildungszeit. Damals fühlte ich mich wie ein bezahlter Sklave, mechanisch, resigniert. Und jetzt? Jetzt bin ich einer von unzähligen Zeitarbeitern in Deutschland. Statt 1300 Euro verdiene ich 800, mache aber die gleiche Arbeit. Überstunden werden vorausgesetzt, ebenso wie das Unterlassen ihrer Dokumentation. Täglich fahre ich etliche Kilometer in einer widerlichen S-Bahn, stehe 4:30 oder eher auf. Beides Dinge, die ich hasse. Beides auch Dinge, die man anderen gegenüber kaum bemängeln kann, da sie als nahezu natürlich angesehen werden. Frühaufstehen und öffentliche Verkehrsmittel.... Mir wäre nach Radfahren und 7 Uhr Uni. Aber das ist keine Frage. Die Wahl habe ich sowieso nicht.

In der Pflege beherrscht im Allgemeinen dieses kleine Märthyrerspielchen den Alltag. Wer ist eher da, wer ist am kaputtesten, wer macht trotzdem weiter, wer interessiert sich nicht mehr die Bohne für sein Äußeres, wer ist immer da, wer ist nie krank, selbst wenn er so krank ist, dass es jeder sieht. Aber niemand wird es aussprechen. Es gibt kein "Komm, geh heim, leg dich ins Bett." Es gibt Schweigen. Vielleicht würde ich diese Arbeit mehr mögen, wenn diese Teilnahmslosigkeit nicht wäre. Die Pflegenden aber haben Empathie verlernt. Selbst das, glaube ich, wird als Qualifikation betrachtet. Möglichst roh, möglichst hart im Nehmen, anspruchslos, bestimmt, harsch und rigide zu sein. Möglichst wenig zu empfinden, dafür aber so viel wie möglich zu arbeiten. Fertig zu werden. ... Zeit ist ohnehin alles. Langsam ist nicht ruhig und auch nicht sorgfältig, sondern präzise: schlecht.

Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, woran es liegt, dass mir manches so schwer fällt. Morgens aufzustehen... Als ich mein erstes Praktikum im Krankenhaus machte, war das ein Leichtes für mich. Morgens durch die kühle Luft in 15 Minuten zur Klinik, kein Mensch auf der Straße, großartige Ruhe. Vorbei.

Der Wecker klingelt mich in den Halbschlaf. Ich schwebe irgendwie in meinem viel zu warm gewordenen Bett. Es ist ekelhaft. Trotzdem friere ich. Fühle mich nach unten gezogen, gleichzeitig lahm und im Begriff, dem Aufstehzwang zu folgen. Dem Wecker schlage ich noch ein paar Mal die Platte ein. Einige Minuten vergehen, und es ist mir jeden Morgen wieder aufs Neue rätselhaft, wie ich es schaffe, mich zu überwinden. Das Bad ist eiskalt, das Licht unzureichend. Ich schalte den Heizstrahler an - kalte Klobrille, warmer Rücken... Reibe mir das Gesicht und versuche, mich nicht nach dem Sinn des Lebens zu fragen. 

22.11.08 18:03
 


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